fit im Alter: Gesund essen, besser leben

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Gesunder und aktiver Lebensstil – ein Beitrag zur Prävention von Demenz?

Moderatorin Edda Dammmüller
Quelle: DGE

Dieser Frage stellten sich im Rahmen des IN FORM-Symposiums 2015 renommierte Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen, am 09. September in Berlin. Als Teil des aktuellen Schwerpunktes „Im Alter IN FORM“, richtete die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) das Symposium in den Räumen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft aus. Über 60 Fachkräfte aus verschiedenen Bereichen der Versorgung und Verpflegung älterer Menschen wurden von der WDR-Moderatorin Edda Dammmüller durch diesen spannenden Tag geleitet.

Prof. Ulrike Arens-Azevêdo
Quelle: DGE

 

DGE-Vizepräsidentin Professor Ulrike Arens-Azevêdo begrüßte die Teilnehmer und führte in die vielfältige Thematik dieses Symposiums ein. Neben der Diagnostik von Demenzen, der demographischen Entwicklung, Ernährung und Verpflegung fallen darunter auch angemessene Bewegung und lebenslanges Lernen. In Deutschland leben 2,6 Millionen Pflegebedürftige, von denen der überwiegende Teil zu Hause versorgt wird. Mit dem Hinweis „je älter, je höher das Risiko pflegebedürftig zu werden, je höher das Risiko an Demenz zu erkranken" brachte sie die Problematik auf eine einfache Formel. Die Herausforderungen sind groß! Schaut man nur den Bereich der Verpflegung an, so werden die Ernährungsempfehlungen durch die verschiedenen Verhaltensweisen, die eine Demenz mit einem veränderten Tag-Nacht-Rhythmus mit sich bringen kann, oft komplett „auf den Kopf gestellt“.

Dr. Klaus Heider

 

Dr. Klaus Heider vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) in Berlin erläuterte den Beitrag, den die Bundesministerien BMEL und das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) mit „IN FORM – Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung", leisten möchten. Er wies darauf hin, dass die Gesellschaft mit bis zu 1,6 Millionen Demenzerkrankten vor einer Herausforderung steht. Die gesellschaftliche Relevanz der immer größer werdenden Gruppe älterer Menschen und die Strukturen, die im Rahmen der demografischen Entwicklung zu schaffen sind, wurden beim Seniorentag, der Anfang Juli in Frankfurt stattfand sowie mit diesem Symposium aufgezeigt. Er betonte die Bedeutung der Fachgesellschaften, die zu Lösungen beitragen und dankte unter anderem der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e.V. (BAGSO) und an deren Spitze Frau Professor Lehr für ihre Arbeit. Dr. Heider schloss seine Rede damit, dass die Voraussetzung für ein langes Leben so günstig sind, wie nie zuvor. Die Verantwortung und Bereitschaft einer ausgewogenen Ernährung und mehr Bewegung liege aber auch bei jedem einzelnen.

„Es gilt, dem Leben nicht nur Jahre zu geben, sondern den Jahren Leben.“ Mit diesem Zitat begrüßte Professor Dr. Dr. Ursula Lehr vom Institut für Gerontologie in Heidelberg, Bundesministerin a.D. und Vorsitzende der BAGSO die Zuhörer. In ihrem Vortrag erläuterte sie die Fakten zur Bevölkerungsentwicklung und zeigte mit humorvollen Anekdoten auf, dass auch Hochaltrige noch viel Freude am Leben haben können. „Altern ist das Ergebnis der eigenen Biografie und wie man mit Problemen fertig wird.“ Sie erläuterte nicht nur die verschiedenen Ausprägungen unterschiedlicher Demenzformen, sondern auch das Langeweile sowie das Gefühl nicht gebraucht zu werden, als „bore-out" zur Depression führen kann und häufig als „Pseudodemenz" diagnostiziert wird.
Mit einem Zitat von Victor von Weizsäcker „Gesundheit ist nur dort vorhanden, wo sie jeden Augenblick des Lebens erzeugt wird“, machte Sie deutlich, dass Gesundheit nicht selbstverständlich ist, ermutigte aber gleichzeitig aktiv etwas dafür zu tun.

Sabine Sütterlin
Quelle: DGE

 

Unter dem Titel undefined„Wir leben immer länger – tritt Demenz damit immer häufiger auf? Wie sich die Gesellschaft auf ihre Alterung vorbereiten kann" informierte Sabine Sütterlin vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung über den demographischen Wandel und die sich bis 2050 vermutlich verdoppelnde Anzahl an Demenzkranken. Sie wies darauf hin, dass sich gleichzeitig der Anteil Jüngerer, die ältere Menschen unterstützen können, verringert. Darüber hinaus widmete sie sich der Frage, ob künftig die Anzahl Demenzkranker zu- oder abnimmt. Studien zur Prognose über die künftige Anzahl von Menschen mit Demenz, wurde bereits in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet diskutiert.

Einen ausführlichen Einblick in die Demografie der Demenz bietet der undefinedDemenzreport.

 

Der Autor Martin Suter beschrieb in seinem Buch “Small World" bereits 1997 sehr treffend und einfühlsam, wie sich die Demenz im Alltag äußert. Mit einem Zitat aus diesem Buch leitete Professor Jan Sobesky von der Charité-Universitätsmedizin Berlin in sein undefinedThema zur Diagnose und Behandlung von Demenzen ein. Er wies zugleich darauf hin, dass es derzeit noch keinen Marker gibt, der eindeutig auf eine Demenz oder eine Demenzform hinweist. Es ist immer eine klinische Diagnose notwendig, für die ausreichend Zeit und Empathie notwendig ist. Von Demenz ist nicht nur ein Einzelner, sondern die ganz Familie, das gesamte Umfeld betroffen und derzeit gibt es noch keine Heilung für diese Krankheit. Anschaulich führte er die Symposiumsteilnehmer in die Anatomie des Gehirns ein und erläutert die unterschiedlichen Demenzformen anhand von Bildern. Er gab einen Einblick in die diagnostischen Möglichkeiten und die drei Säulen der Therapie, zu der die pharmakologische Behandlung der Kognition, die pharmakologische Behandlung von Verhaltensweisen sowie nicht-pharmakologische Interventionen, wie beispielsweise Musiktherapie, zählen. Im Mittelpunkt der Therapie steht das Gehirn mit seinen Funktionen, so Sobesky. Besonders betonte er jedoch, auf den Umgang mit dem Patienten zu achten, wobei gilt: „high touch, statt high tech". Aus medizinischer Sicht gibt es keine präzise Vorbeugung für Demenzen, jedoch schadet eine gesundheitsfördernde Lebensweise nie, da ein vaskulär geschädigtes Gehirn anfälliger ist, als ein gesundes.

Angela Bechthold
Quelle: DGE

Angela Bechthold von der DGE lud das Auditorium zum Schwerpunkt Demenz und Ernährung ein. „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die schlechte Nachricht: wir wissen nicht wie Ernährung und Demenz zusammen hängen. Die gute Nachricht: wir versuchen es heraus zu finden und Empfehlungen zur Prävention zu geben". Bechthold stellte das undefined„Kompetenzcluster Diet-Body-Brain – neue Ansätze in Forschung und Kommunikation" vor. Mit den 17 Cluster-Partnern, zu denen Institute der Universität und der Uniklinik Bonn, das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), die Deutsche Sporthochschule, die DGE und zwei Industriepartner zählen, soll der Forschungsbedarf zum Thema Ernährung und Demenz gedeckt werden. Es handelt sich um ein themenzentriertes, regional fokussiertes Netzwerk, das zum Ziel hat, die Ergebnisse und Erkenntnisse aus der Analyse von Ernährungsmustern und Forschung in geeigneter Weise zu kommunizieren. Mit dieser engen Verknüpfung von Forschung und Praxis, darf gespannt auf künftige Ergebnisse gewartet werden.

In seiner Kochjacke präsentierte sich Rudolf Paulson, Küchenleiter der Haus St. Anna, Stiftung in Düren. „Ich bin Koch mit Leib und Seele!". Dies spiegelte sich in jedem seiner Erfahrungsberichte aus dem beruflichen Alltag wider. Paulson erläuterte die praktische Umsetzung des DGE-Qualitätsstandards in seiner Einrichtung, die über die Essbiografie hinaus, mit einer Beobachtungsbiografie arbeitet. Beeindruckende Beispiele aus der täglichen Arbeit mit und für die Bewohner, gaben den Zuhörern einen Einblick in die Verpflegung und den Umgang mit Demenzkranken rund um das Essen und Trinken.

undefinedVortrag Rudolf Paulson (pdf)

Wie einfach Bewegung mit älteren Menschen praktisch durchgeführt werden kann, zeigte Birgit Faber, Geschäftsführerin des TSV Falkensee e. V., die mit den Teilnehmern Übungen aus dem Programm der "Fünf Esslinger" von Dr. Martin Runge durchführte. Für diese Übungen sind keine weiteren Hilfsmittel notwendig und mit kleinen motivierenden Geschichten und Erfahrungen aus der Vergangenheit untermalt, sind diese sehr gut auch als Bewegungsübung für Demenzkranke geeignet.

undefinedBewegungsförderung war auch das Thema von Andrea Rivka Wolff vom Institut für Sportwissenschaft und Sport an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie stellte das Programm GESTALT (GEhen, Spielen, Tanzen Als Lebenslange Tätigkeit) vor. Das multimodale Bewegungsprogramm ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zusammengestellt und berücksichtigt z. B. dass Demenz bei anhaltender körperlicher Aktivität und einem breiten Spektrum an Bewegung möglicherweise seltener auftritt. Es soll die physische, kognitive und soziale Aktivität von älteren Menschen fördern. Wie dieses komplexe Programm in der Praxis getestet und modifiziert wurde, stellte Wolff lebhaft vor.

Prof. Dr. Daniel Zimprich
Quelle: DGE

undefinedKann lebenslanges Lernen das Demenzrisiko verringern? Mit diesem Titel nahm Professor Dr. Daniel Zimprich vom Institut für Psychologie und Pädagogik der Universität Ulm die Zuhörer mit auf die Suche nach einer Antwort. Es spricht vieles dafür, dass höhere Schulbildung und ein hoher beruflicher Status und vielfältige Freizeitaktivitäten protektive Faktoren zur Förderung und Erhaltung der geistigen Leistungsfähigkeit sind. Es gibt derzeit aber keine Hinweise, so Zimprich, dass sich das Tempo der Degeneration des Gehirns dadurch verändert. Ein höherer Bildungsstand führt zu mehr kognitiver Aktivität im Alter, jedoch altern intelligente Menschen nicht anders. Die kognitive Alterung geht bei den genannten Voraussetzungen aber von einem höheren Niveau aus.
Bei der Frage nach der kausalen Richtung „Lebensstil – Demenz?“ oder „Demenz – Lebensstil?“ warnte Zimprich vor einer Stigmatisierung der Demenzerkrankung und vor dem Wecken falscher Hoffnungen, dass mit Gedächtnistraining eine Demenz vermeidbar ist. Dennoch hat lebenslanges Lernen Potential. Eine höhere Schulbildung erhöht die geistige Leistungsfähigkeit und eine hohe kognitive Aktivität kann das Risiko an Demenz zu erkranken verringern.  

Prof. Dr. Annelie Keil
Quelle: DGE

Humorvoll und anekdotenreich stellte Professor Dr. Annelie Keil, die sich mit  Gesundheitswissenschaft und Krankenforschung in Biografie und Lebenswelt beschäftigt, den Teilnehmern des Symposiums die Geschichte vor, die hinter dem Titel ihrer Ausführungen "Wenn der Geschmack am Leben sich verändert und aus Wolken Spiegeleier werden! Präventiv mit Experten des Lebens auf dem Weg in eine fremde Welt" steckt.
Sie betonte gleich zu Beginn, dass „die Geschichte einer Krankheit etwas anderes ist, als die Geschichte eines Menschen“ und machte damit deutlich, dass es der Mensch ist, der im Mittelpunkt stehen muss. Philosophisch, bildhaft und auf Basis ihrer reichen Lebenserfahrung, stellte sie Essen im Kontext der Biografie dar und kam zu dem Schluss, dass in der Demenz das „Essen“ übrig bleibt. „Hier mischt sich alles". Sie regte mit der Frage nach der eigenen Essbiografie zum Nachdenken an. Mit berührenden Beispielen aus ihrer beruflichen Erfahrung schlussfolgerte sie: „Nahrungsaufnahme macht uns klar, das Leben immer in Koexistenz ist". Was bleibt ist, dass jemand für uns kocht. Die Demenz sei eine schwierige Aufgabe, so Keil, aber nicht schwieriger als jede andere. Ihr Fazit: Das Leben ist komplex, wir müssen uns den Angelegenheiten daher auch komplex nähern.

Zusammenfassend wurde die Veranstaltung der vielschichtigen Thematik Demenz mehr als gerecht und fesselte die Zuhörer mit einer informativen Mischung aus Wissenschaft und Praxis.

 

undefinedBildergalerie von der Veranstaltung

undefinedNachbericht auf www.in-form.de

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